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Aufwuehlende Lebensgeschichten, die das kolumbianische Leben schreibt

Meine Lieben, Heute habe ich eine Lebensgeschichte erfahren, die so richtig die brutale Wirklichkeit des Lebens hier widerspiegelt. Einer der Erzieher, der 22 Jahre alt ist, war eine Woche nicht da. Ich hatte mich schon gewundert. Heute kam er und als ich nachfragte, fing er an zu weinen. Sein 19jaehriger Bruder ist mit 7 Schuessen umgebracht worden. Das ist in seiner Heimat passiert, im Choco, eine Region, wo kaum jemand lebt und es sehr viel Urwald gibt und in die man besser nicht reist. Heute abend hat er mir dann viel erzaehlt. Er ist als Kind (wohl so mit 10 Jahren) in die Guerilla eingetreten und dort fuenf Jahre geblieben. Dann war er hier im Centro Don Bosco. Jetzt arbeitet er hier schon drei Jahre hier als Erzieher. Er denkt, dass die Guerilla seinen Bruder getoetet hat, der nicht in der Guerilla war, aus Rache an ihm selbst, der von der Guerilla geflohen ist. Sein Cousin kennt die Moerder, hat sie gesehen, aber sie haben ihn mit dem Tod bedroht, so dass er nichts verraet. Fuer mich alles unvorstellbar. Jetzt hat der Erzieher grosse Angst, dass sie ihn suchen und aufspueren werden und ihn auch umbringen werden. Er moechte jetzt nach Europa... Er hat mir schon vor Wochen gesagt, dass er so gern noch mal nach Europa moechte, er war schon einmal kurz mit den Salesianern da. Er kann aber ueberhaupt kein Englisch, tut sich auch extrem schwer. Aber sie werden ihn vermutlich auch nicht ins Land lassen, vielleicht als Tourist fuer drei Monate...er will aber mindestens ein Jahr bleiben. Er ist verheiratet, seine Frau wird aber hierbleiben muessen. Seine Mutter lebt jetzt allein in dem kleinen armen Haus (er hat es gefilmt und mir den Film gezeigt, denn er wird nie dahin zurueckkehren koennen). Er musste die ganzen Kosten der Beerdigung uebernehmen und hat dafuer sein Motorrad verkaufen muessen. Sein Vater ist schon lange vermisst, vermutlich verschleppt von der Guerilla, vermutlich tot. Seine drei minderjaehrigen Schwestern leben noch dort. Jetzt ist er verzweifelt und hat grosse Angst und fragt mich, wie und ob man denn in Deutschland leben koenne. Das ist fuer einen mittellosen Kolumbianer, der kein Deutsch kann, nicht einfach...falls sie ihn ueberhaupt ins Land lassen. Diese Geschichte ist fuer mich unfassbar - welch ein Leben, in Angst, ohne grosse Zukunft. Da sind meine "Probleme" ein winziges Nichts, da ist es nicht mehr relevant, dass vorgestern meine kleine Katze hier gestorben ist - und da hab ich schon viel geweint. Und dass mein Vater im Krankenhaus ist und ich grosse Sorgen hatte (es geht ihm gottseidank besser). Welch ein Leben fuehre ich! Welch ein Geschenk, wie ich aufwachsen durfte und leben darf! Ja, das Leben hier und die Geschichten, die mir sehr nah gehen, lassen mich das schlichte LEBEN wieder spueren, befreien mich vom lapidaren Alltagsstress, fuehren mich auf die Basis des Lebens. Deshalb bin ich hier... Beruehrte Gruesse von Angela

1.11.13 04:18, kommentieren

Kolumbien - das Land der Gegensaetze!

Hola mi amigas y amigos, ich erlebe hier gerade mal wieder die totalen Gegensaetze! Ab Mittwoch hatten wir alle Ausgangssperre, da sie hier nebenan drei junge nMaenner erschossen haben. Da hiess es, das "Barrio esta caliente" - das Viertel ist heiss. In der Nacht zum Freitag bin ich um vier Uhr morgens aufgewacht durch viele Pistolenschuesse, ads war dann wohl die Rache der anderen Bande. Hier gibt es rivalisierende Banden, die liefern sich ab und zu Kleinkriege. Aber seitdem ist es ruhig. Aber wir sollen nicht auf deie Strasse. Hier im Centro ist es ganz sicher, eine kleine heile Welt. In der Nacht auf heute haben die Guerilleros 12 Soldaten erschossen, in der Naehe von Santander, wo ich einmal die Woche arbeite. Aber die naechsten Wochen erst mal nicht, es git zu viele Probleme mit der Guerilla. Alle sind hier sehr auf Sicherheit bedacht und wenn man hier so lebt, hat man keine Idee davon, dass etwas ueberhaupt gefaehrlich sein koennte. Es ist so merkwuerdig: auf der einen Seite die herzlichsten Menschen mit dem waermsten Mitgefuehl und die sich wirklich um andere kuemmern, auf der anderen Seite sitzt die Waffe ganz locker und dieselben Menschen koennen durchaus einfach so andere toeten, nur fuer ein Handy oder ein bisschen Geld. Das ist mir ein Raetsel. Alle sind hier irgendwie von der Gewalt im Land betroffen, der Cousin meiner Freundin hier ist auch von der Guerilla erschossen worden... Ich bin dann am Samstag mit einem sicheren Taxi (die ruft man an und es gibt einen Code, die sind registriert) zu meinen Freunden gefahren und wir sind in einem supernoblen Einkaufszentrum shoppen gegangen...wieder so ein Kontrast. Am Sonntag war ich mit ihnen in einem wunderschoenen Freilichtmuseum, das den Anbau und die Verarbeitung von Zuckerrohr zeigt. Nicht weit davon gibt es wine traumhafte Finca, ein zauberhaftes Haus, in dem der beruehmteste Roman von Cali spiel (Jorge Isaacs: Maria). So schoen, gepflegt, sauber, mit unendlich vielen bluehenden tropischen Pflanzen. ein Paradies - und so heisst es dann auch - es paraiso. Dann waren wir essen in einem schoenen Restaurant draussen mit Swimming Pool und Salsa-Tanz und leckerem Essen (hier eher selten). Luxus den ganzen Tag! Und heute habe ich alle Jugendlichen in das Schwimmbad nebenan eingeladen, da gehen sie irgendwie nie hin. Ich weiss jetzt auch, warum. Sie gehen nicht ins Wasser, sondern sietzen herum und langweilen sich wie eigentlich immer. Fuenf von 40 und ich waren im Wasser und hatten Spass. Die anderen sagten, das Wasser sei schmutzig, ich habe das nicht so gesehen, es sah alles sehr sauber aus und es ist ja gechlort. Aber wer weiss...sie haben acuh keine Badeanzuege, aber das ist hier kien Problem, dann geht man eben mit Klamotten ins Wasser. Aber wie gesagt, das scheint hier nicht als Spass zu gelten. Im Fluss zu baden viel eher! Die Jungs haben dann nebenan Fussbal gespielt, das ist so scheint mir, ausser Fernsehen, das einzige, was ihnen Spass macht. Okay, so ist es eben. Ich finds hier im Centro an den Wochenenden ziemlich langweilig, denn man kann ihnen anbieten was man will, sie wollen es nicht, sie wollen herumhaengen. Gut, dann gehe ich eben mit meinen Freunden aus, das ist sehr spassig! Ist nur etwas schade, da ich ja nun mal fuer die Jugendlichen hier bin. Ich bin etxra gestern zurueckgekommen, meine Freunde wollten mich heute auf eine Hacienda mitnehmen - und jetzt bin ich doch etwas enttaeuscht mus ich gestehen, da ja die Jugendlichen mein Angebot schwimmen zu gehen gar nicht wollten, obwohl ich vorher gefragt hatte. Leider hat der Erzieher alle mitgenommen, alle mussten mit, ich wollte nur die Freiwilligen haben, damit die Stimmung besser ist. Aber so ist es eben hier. Ich jedenfalls amuesiere mich mit meinen Freunden und habe auch gute Gespraeche mit den Jugendlichen, also alles gut. Ich muss nur immer wieder meine Ideen und Ansprueche herunterfahren. Das fuehrt im Moment leider zu einer gewissen Resignation - ich merke, wie wenig sie vom Leben wollen, wie wenig Idee sie haben von ihrer Zukunft. Wenn ich sie frage, wann sie denn ihre Ausbildung beendet haben werden, wissen sie es nicht, sie wissen nicht mal, wann die Ferien anfangen, sie wissen nicht, was sie machen, wenn sie das Programm hier beendet haben - sie leben einfach so in den Tag hinein. Fuer ein durchgeplantes deutsches Leben wie das meine ist das unvorstellbar! So weit die Nachrichten fuer heute! Abrazo de Angela

1 Kommentar 4.11.13 23:47, kommentieren